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3×1

:: Theater
5. Juni 2008 von ::

Hinweis: Der nachfolgende Text spiegelt subjektive Eindrücke wider. Ähnlichkeiten mit objektiver Berichterstattung sind naturgemäß rein zufällig ;-)

An diesem Sonntagnachmittag fand ich mich unerwartet in der alten Bundesrepublik wieder. Vom Charme des Hotelzimmers bis zu den Kostümen mancher Theaterbesucher (wo waren all die jungen Fans?) am Ku’damm in Berlin war alles so, wie ich es aus den halb-verdrängten Fernsehserien meiner Kindheit kannte, irgendwo zwischen Ich heirate eine Familie und Praxis Bülowbogen. Nur die Preise, die waren dann doch in Euro, was geholfen hat, sehr schnell in die Realität zurückzufinden. Dabei fällt mir ein, das wunderbare Plakat der Drei Schwestern lässt sich für 8 Euro an der Theaterkasse erwerben.

(c) Theater am Kurfürstendamm, Foto: Johannes ZacherAber dieses merkwürdige Gefühl, im falschen Film zu sein, verflog dann doch recht schnell, als auf der Bühne des Theaters am Kurfürstendamm die Szenerie irgendwo in einer russischen Provinzstadt auftauchte, in der das Leben so völlig alltäglich, banal, scheinbar abhanden gekommen sein muss. Die 3 Schwestern Olga, Mascha und Irina sind vor elf Jahren in diesen Ort gezogen, von dem irgendjemand so oft behauptet haben muss, das es da »ganz hervorragend für Kinder« sei, das es keiner mehr hören kann. Nun sind Mutter und Vater mittlerweile tot und der einzige Bruder Andrej damit beschäftigt, abwesend zu sein. Unterhaltung, Liebe, Freude, Zukunft, … fast alles außer Zeit und Geld fehlt diesen Frauen, die sich in Arbeit flüchten, Traumbilder oder Melancholie – nur weg aus der ewigen Wiederholung Alltag, die am liebsten nach Moskau ziehen würden, den Platz ihrer Kindheit, den Ort ihrer Träume vom Leben und den dazu passenden Männern. Die Herren, die es in der Provinz gibt, passen offensichtlich nicht in ihre Vorstellungen.

Olga, die Dozentin, hat das Heiraten verpasst, fühlt sich zu alt, will doch auch mal umarmt werden, aber es ist ja keiner da, der das kann. Katja Riemann spielt die älteste Schwester Olga, die ihren aufgestauten Frust meist an der verhassten, unsichtbaren Schwägerin auslässt und trifft mir ihren bissigen, staubtrockenen und teils urkomischen Bemerkungen genau den Ton, der sehr gut in ein solches Theater passt, in dem Lachen zum Glück nicht verboten ist.

Jasmin Tabatabais Mascha hat zwar den Psychiater Kulygin (Frank Voigtmann, der sehr gekonnt eigentlich zwei Rollen auf einmal spielt) geheiratet, aber jener ist eher damit beschäftigt, sie zu analysieren, darüber zu reden, sie von seelischen Komplexen befreit zu haben, als auch nur annähernd Liebe zu zeigen. Sie lässt ihren Gefühlen freien Lauf, sehr temperamentvoll, eindringlich, souverän, oft mehr oder weniger gereizt, mal euphorisch, mal rasend. Mascha gerät auf eine emotionale Achterbahnfahrt als der Jurist Werschinin (Jörg Pintsch) auftaucht und mit ihm für sie die Liebe: nur auf Zeit, sozusagen aus Moskau zu Besuch, unerklärlich, aber da. Eine Liebe, die letztlich ihren Mann dazu bringt, nach sich selbst zu suchen und auch sein Empfinden zu zeigen: im verzweifelten Vollrausch kommt seine »Liebe« in ihrer brutalsten Form.

Und Irina, die jüngste, umwerfend von Nicolette Krebitz gespielt, kann mit der Realität so gar nichts anfangen, kann nicht schlafen, nicht mit Leuten reden, weiß nicht, was sie fühlen soll, kann nichts empfinden und will nur das. Sie wird besonders von diesem freien Journalisten Tusenbach (Heiko Senst) belagert, der vorgibt, eine Dokumentation über die 3 Schwestern machen zu wollen, sich aber weigert, voran zu kommen, in Widersprüche verstrickt und Fragen stellt, die ihm hier keiner beantworten kann und will.

Soweit zu den handelnden Personen – und die Musik? Eröffnet wird die Vorstellung mit einem wunderbaren Song über Einsamkeit aus P.T. Andersons Magnolia – Aimee Mann’s One – und es folgen noch eine Reihe unterschiedlicher, meist sehr schöner Lieder (sagen wir vorerst mal: von Portishead bis Michael Jackson), mal als Soundtrack, dann wieder einbezogen in die Handlung, gespielt und mittendrin sogar live gesungen – eine Liebeserklärung an Ökozigaretten – j’amaisrican spirit ;-)
Also Humor kommt wirklich nicht zu kurz.

Der Schlussapplaus hat sie alle verdient gefeiert – lang und heftig und voller Begeisterung – die Bekannteren vielleicht etwas mehr als die anderen, aber das mag subjektiv sein. Und egal was die Blaumiesen gerade affektiert ins Feuilleton k….., es lohnt sich, eine Vorstellung zu besuchen. (Mach ich auch bald noch mal.)

Auf der nachfolgenden Party erschien Coco in einem tollen Kleid aus einer anderen Zeit und freute sich auf ihren ersten richtig freien Tag seit Wochen. Den hat sie sich wirklich verdient. Des Nachts zeigte dann mein Hotelwecker stoisch: 0:20 Uhr. 3:09 Uhr. 5:36 Uhr. One is the loneliest number. 3 auch.

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